Wälder leiden unter Trockenheit
Wenn selbst die Buche an ihre Grenzen kommt
Der Sommer 2026 setzt dem Gemeindewald Rennertshofen zu. Seit Mai ist rund 40 Prozent weniger Niederschlag gefallen als in den Vorjahren. Bei einer Fahrt durch das 500 Hektar große, von Buchen geprägte Revier zeigt Forstrevierleiter Martin Spies, wie Hitze und Trockenheit den Wald schwächen – und warum jetzt rasches Handeln notwendig ist.
Anfang September wirkt der Wald vielerorts bereits herbstlich. Doch der verfrühte Laubfall ist in diesem Jahr keine typische Reaktion auf den Wechsel der Jahreszeiten. Die Bäume stehen unter Hitzestress. Ihnen fehlt Wasser – und das zunehmend über längere Zeiträume. Bei hohen Temperaturen verdunstet etwa ein Drittel des Regenwassers, noch bevor es den Waldboden erreicht.
Damit der Niederschlag bis in tiefere Bodenschichten vordringen kann, wäre langanhaltender und ergiebiger Regen nötig. Kurze Schauer reichen häufig nicht aus. Die Folge: Die Wasserreserven im Boden gehen zurück, während die Bäume gleichzeitig weiter Wasser über ihre Blätter abgeben.
Verfrühter Laubfall als Warnsignal
Auf der Internetseite Walddürremonitor zeigt eine interaktive Karte den Status quo. Vielerorts herrscht Trockenheit in den Wäldern. Welche Auswirkungen eine solche Situation haben kann, wird an der ersten Station bei einer Tour durch den Rennertshofener Gemeindewald deutlich. Mitten auf die Gemeindeverbindungsstraße fiel ein etwa drei Meter langer Ast, den eine stattliche Buche abgeworfen hat. Mittlerweile wurde dieser aus dem Weg geräumt. Der Astabbruch ist nicht nur ein sichtbares Zeichen des Trockenstresses, sondern auch eine erhebliche Gefahr. Für das Forstrevier bedeutet das eine besondere Verantwortung: Es muss die Verkehrssicherheit gewährleisten. Die Straße ist nicht nur Verbindungsstraße, sie dient zudem als Rettungsweg und gehört außerdem zur kritischen Infrastruktur.
Walddürremonitor
Wenn der Wasserstrom im Stamm abreißt
Der Abwurf grüner Äste sei eine Reaktion des Baumes auf extreme Trockenheit, erklärt Spies. Reißt der Wasserstrom im Inneren des Stammes ab, kann eine sogenannte Embolie entstehen. Der Baum wird dadurch geschwächt und stößt Äste ab, um seinen Wasserhaushalt zu entlasten. Besonders problematisch ist dies bei alten Buchen. Eine ausgewachsene Buche benötigt unter bis zu 200 Liter Wasser am Tag und erschließt mit ihren Wurzeln einen Wirkungsbereich von ungefähr 150 Quadratmetern. Gleichzeitig kann ein Quadratmeter Waldboden etwa 200 Liter Wasser speichern. Ist dieser Vorrat erschöpft, gerät der Baum in Bedrängnis.
Buchen reagieren häufig spät auf Trockenheit, weil sie lange weiter Wasser aufnehmen. Wenn schließlich kaum noch Wasser verfügbar ist, entwickeln sich Embolien, die Kronen trocknen aus und die Vitalität des Baumes nimmt ab. Altbuchen zeigen im Rennertshofener Gemeindewald deshalb immer häufiger deutliche Trockenreaktionen.
Geschwächte Fichten sind leichte Beute für den Borkenkäfer
An der zweiten Station wird sichtbar, wie die Fichte auf die anhaltende Trockenheit reagiert. Auf den Schnittflächen gefällter Bäume fehlt das Harz. Der Baum ist ausgetrocknet. Dabei wäre Harz eine wichtige Abwehr gegen Schädlinge wie den Borkenkäfer. Ein gesunder Baum kann viele der eindringenden Käfer mit Harzfluss abwehren oder zumindest in ihrer Ausbreitung bremsen. Den Fichten auf dieser Fläche gelang das nicht mehr. Der Bestand musste wegen Käferbefalls gefällt werden. Unter der Rinde finden sich zahlreiche Borkenkäfer, viele davon noch im Larvenstadium. Viel Zeit bleibt nicht: „Es bleiben noch zwei bis drei Wochen, um das Schadholz abzutransportieren, bevor der Käfer ausschwärmt und weitere Bäume befällt“, erklärt Spies. Befallene Bäume müssen daher schnell erkannt, gefällt und aus dem Wald gebracht werden.
Forstrevierleiter Spies beobachtet diese Entwicklung seit rund zehn Jahren, also seit der Übernahme des Reviers. „Die Bäume haben keine Chance, sich zu regenerieren“, beschreibt er die zunehmende Belastung. Die klassische Baumart der Region gerät damit selbst an ihre Grenzen.
Bedingungen für Borkenkäfer günstig
Der Schaden ist nicht nur ökologischer, sondern auch wirtschaftlicher Natur. Zwar sei der Preis für einen Festmeter Fichtenholz derzeit gut, bei Käferholz müssen Waldbesitzer jedoch mit Einbußen von etwa 20 Euro pro Festmeter rechnen, klärt Spies auf. Durch den Befall verfärbt sich das Holz bläulich, es verliert seine helle Farbe und damit an Wert. Zusätzlich entstehen Kosten für Rückemaschinen und Transportfahrzeuge. Auch für den Waldboden hat die Entfernung des Käferholzes Folgen. Äste gesunder Bäume verbleiben normalerweise im Wald, speichern Wasser und dienen der Humusbildung. Beim Käferholz muss dagegen möglichst sämtliches Astmaterial entfernt werden, damit der Schädling keine weiteren Brutmöglichkeiten findet. Das bedeutet einen Verlust auf mehreren Ebenen.
Ein Hoffnungsschimmer steht bereits auf der Fläche: Vor sieben Jahren wurden dort Weißtannen gepflanzt. Sie gelten als widerstandsfähiger gegenüber den künftigen Klimabedingungen. Nach der Entfernung des Käferholzes erhalten die jungen Bäume nun mehr Licht und Raum zum Wachsen.
Weißtannen als Hoffnungsträger
Naturverjüngung braucht Schutz – oder angepasste Jagd
Die dritte Station liegt in einem Fauna-Flora-Habitat-Gebiet, kurz FFH-Gebiet. Auf der Fläche zeigt sich, wie wichtig die natürliche Verjüngung des Waldes für seine Zukunft sein kann. Zwischen geschützten Setzlingen stehen junge Elsbeeren, Eichen und andere Baumarten, die von selbst aufgegangen sind. Ein Teil der jungen Bäume ist mit sogenannten Drahthosen geschützt. Die Konstruktionen sollen verhindern, dass Rehe die Pflanzen verbeißen. Eine solche Drahthose kostet etwa fünf bis sechs Euro und ist gut investiert. Daneben markieren rote Kennzeichnungen ungeschützte Bäumchen. Sie sind allesamt verbissen – obwohl sie genauso alt sind wie die geschützten Pflanzen, nämlich etwa drei Jahre.
Wertvolle Naturverjüngung
Naturverjüngung gilt unter Fachleuten als besonders wertvoll. Bäume, die aus Samen im Wald wachsen, entwickeln ihre Wurzeln anders als gepflanzte Setzlinge. Die Pfahlwurzel einer naturverjüngten Eiche kann sich bis in eine Tiefe von etwa 1,80 Metern ausbilden. So erreicht sie auch in trockenen Zeiten tiefere Wasserschichten. Eine gepflanzte Eiche entwickelt diese tiefreichende Wurzel häufig nicht in gleicher Weise.
Hand in Hand gegen Wildverbiss
Wie entscheidend der Schutz vor Wildverbiss ist, zeigt ein weiteres Beispiel. Vor sechs Jahren wurde eine kleine Fläche eingezäunt. Heute stehen dort mannshohe Eichen, Buchen, Tannen und Elsbeeren. Auf dem gegenüberliegenden, nicht eingezäunten Areal ist das Bild ein anderes: Eichen fehlen fast vollständig, die wenigen vorhandenen Bäumchen bleiben klein.
Für Spies ist dies ein deutlicher Beleg für den Einfluss des Rehwilds auf die Naturverjüngung. Ein klimastabiler Wald kann sich nur entwickeln, wenn junge Bäume eine Chance zum Aufwachsen bekommen. Dafür braucht es neben dem Schutz einzelner Pflanzen auch eine angepasste Jagd. „Ein aktives Zutun der Jägerschaft und ein Miteinanderarbeiten ist notwendig, um einen Wald der Zukunft zu gestalten“, betont der Forstrevierleiter.
Neue Bäume, neue Schäden, neue Strategien
An einer weiteren Station wird deutlich, wie schwierig die Wiederbewaldung unter den aktuellen Bedingungen geworden ist. Auf einer Fläche wurden rund 1.100 Eichen gepflanzt. Jeder blau markierte Stab steht für einen Setzling, der wegen der fehlenden Niederschläge im Frühjahr abgestorben ist. Rund 800 junge Eichen haben die Trockenheit nicht überstanden. Bereits zum vierten Mal muss auf der Fläche nachgepflanzt werden. Nun soll die Strategie geändert werden. Statt im Frühjahr will Spies künftig im Herbst pflanzen. Die Hoffnung: Die jungen Bäume können die feuchtere Jahreszeit besser nutzen und mit einem Vorsprung in die nächste Vegetationsperiode starten. Auf der Fläche sollen künftig unter anderem Linden, Elsbeeren, griechische Tannen und Eichen wachsen.
300 Setzlinge haben überlebt
Viele verschiedene Auswirkungen
Auch eine Kiefer ist dort ein Opfer der Trockenheit geworden. Der geschwächte Baum wurde vom Kiefernprachtkäfer befallen. Dieser Sekundärschädling legt seine Eier bevorzugt an voll besonnten Kiefernstämmen bei Temperaturen von mehr als 25 Grad ab. Die Larven fressen Gänge unter der Rinde und überwintern dort. Gesunde Bäume können die jungen Larven häufig abwehren. Bereits vorgeschädigte Bäume haben dagegen deutlich schlechtere Chancen. Während Kiefern mit dem Prachtkäfer kämpfen, leiden Buchen, Linden und Ahorne unter Rindenverbrennungen, einer Art Sonnenbrand. Die Rinde wird rissig, springt auf und fällt schließlich ab. Dadurch wird die Vitalität der Bäume weiter geschwächt.
Ein Wald für die nächsten Generationen
Die Rundfahrt durch den Rennertshofener Gemeindewald macht deutlich: Hitze und Trockenheit treffen nicht nur einzelne Baumarten, sondern verändern den gesamten Bestand. Selbst die Buche, die das Landschaftsbild der Region prägt, kann den neuen Belastungen nicht unbegrenzt standhalten. „Wir haben vielleicht noch 70 Jahre Zeit, den Wald stabil und zukunftsfähig zu gestalten – mehr nicht“, sagt Martin Spies. Der Waldumbau ist damit eine Aufgabe, die weit über die aktuelle Generation hinausreicht. Der Wald von morgen soll weiterhin Holz liefern, Wasser speichern, das Klima ausgleichen, Lebensraum bieten und den Menschen Erholung ermöglichen.
Bayern setzt deshalb seit Jahren auf vielfältige Mischwälder und ergänzt heimische Baumarten durch Arten, die besser mit Hitze und Trockenheit zurechtkommen. Im vergangenen Jahr wurden mit Unterstützung des Freistaats rund 12,5 Millionen Zukunftsbäume gepflanzt. Dazu zählen unter anderem die heimische Elsbeere, die Hybridnuss und die Douglasie. Welche Baumarten sich langfristig bewähren, wird sich jedoch erst zeigen. „Wir werden auch in Zukunft viel ausprobieren und viele Baumarten testen – und hin und wieder scheitern“, sagt Spies. Der Wald der Zukunft wird voraussichtlich bunter, vielfältiger und artenreicher sein als der Wald, den viele Menschen heute kennen. Sicher ist nur: Angesichts von Hitze, Trockenheit und Klimawandel braucht es ein ganzheitliches Vorgehen. Der Umbau ist ein Generationenauftrag – damit die wichtigen Funktionen des Waldes auch für kommende Generationen erhalten bleiben.